Vorbemerkungen zu einer Untersuchung der deutschen Sprache und Kultur
A Language in which one can write a „Horst Wessel Lied“ is ready to give hell a native tongue.
George Steiner. „The Hollow Miracle“. Language and Silence. Essays in Language, Literature and the Inhuman. 1998. S. 99
[D]ie vom eliminatorischen Antisemitismus bestimmte politische Kultur Deutschlands […] [bewog] die NS-Führung ebenso wie die gewöhnlichen Deutschen zur Verfolgung und Vernichtung der Juden […]. Darum muß diese Kultur als Hauptursache und Haupttriebkraft des Holocaust angesehen werden.
Daniel Jonah Goldhagen. „Hitlers willige Vollstrecker. Ganz gewöhnliche Deutsche und der Holocaust. 1996. S. 533
Als ich den Deutschen in die Augen sah, sah ich, dass das Böse dort noch brannte.
Björn Peng. Augen.
»Der Eichmann-Prozeß hat für einen Moment den Vorhang gelüftet, der die dunklere Seite zivilisierter Menschen zu verdecken pflegt«,1 schreibt Norbert Elias und deutet damit bereits an, dass auch die Shoah, jene grauenerregende Epoche der deutschen Vergangenheit, die unter anderem als »Zivilisationsbruch«2 beschrieben wurde, nicht losgelöst von der Zivilisation, nicht als unerklärbare Ausnahme, sondern als ein eingeschriebener Bestandteil der Zivilisation zu betrachten ist. Ähnlich, »als verborgene Matrix, als nómos des politischen Raumes in dem wir auch heute noch leben«,3 betrachtet auch Agamben die Lager als eingeschrieben in unsere Gesellschaft.
Eingeschrieben in unsere Sprache, also das Ausdrucksmittel zivilisierter Menschen schlechthin, haben sich bis heute auch jene Termini, die Zeugnis von den menschenfeindlichen Ressentiments des Nationalsozialismus ablegen. Es ist nicht nur die LTI, die Victor Klemperer anhand seiner Notizbücher erarbeitet hat, und die bis heute in der Alltagssprache vorkommt, sondern es sind auch Redewendungen wie »Leben und leben lassen« oder »Reden ist Silber, schweigen ist Gold«, die die Deutschen an den Eingängen der Barracken in Auschwitz angebracht hatten,4 und die heute gar Einzug in das Parteiprogramm der CSU5 finden konnten – und das mit beinahe ebenso zynischen Bedeutungsebenen –, die die deutsche Sprache weiterhin beherbergt, als wäre nichts geschehen.
Ist es da ein Wunder, dass die Bürger*innen, Sprecher*innen eben jener deutschen Sprache, statt eines entschlossenen »Nie Wieder!« mit breiter Zustimmung reagieren, wenn extrem Rechte auch heute wieder eine »Festung Europa« fordern?6
Wenn aber die vom Nationalsozialismus geprägten Begriffe in der deutschen Sprache nicht nur weiterhin vorkommen, sondern auch als Propagandabegriffe einer erneut erstarkenden rechten Bewegung verwendet werden können und dabei, zumindest in weiten Teilen der deutschen Bevölkerung, geradezu positiven Anklang finden, bedeutet das doch auch, dass es zumindest im Hinblick auf die deutsche Sprache, womöglich aber auch im Hinblick auf andere Aspekte einer »deutschen Kultur«, nicht gelungen ist, alles dafür zu tun, dass sich die Shoah nicht wiederhole.7
Ist es die deutsche Sprache, die jene »kulturelle Identität« stiftet, die jenen Wunsch nach einer »totalen Erneuerung auf allen Ebenen des völkischen Lebens«8 aufkommen lässt? Ist es der heisere, fast metallene Klang jener Sprache, in der zusammengerottete Mobs »Merkel muss weg« oder »Abschieben« brüllen, die die vollständige Subsumtion des Individuums unter einen phantasievoll heraufbeschworenen »Volkskörper« verlangt? Ist es die »Deutsche Sprache«, die die Gespenster des einst für tot erklärten, womöglich aber nur unter dem Einfluss des »Wirtschaftswunders« in Vergessenheit geratenen, »Volkes« beschwört?
Während Rechtspopulist*innen unermüdlich die Beschwörungsformeln der LTI wiederholen, steigen die Gespenster auf und ganz leise lässt sich bereits eine neue Variation des Horst Wessel Liedes vernehmen.
Vor diesem Hintergrund soll einerseits untersucht werden, inwiefern sich nationalsozialistische Spracheinflüsse in der Sprache der extremen Rechten, aber auch in der »deutschen Alltagssprache« bemerkbar machen. Das soll vor allem durch eine Analyse des gesellschaftlichen Diskurses des letzten Jahrzehnts und die darin integrierten Spracheinflüsse der extremen Rechten untersucht werden. Andererseits sollen die Zusammenhänge zwischen nationalsozialistischen Spracheinflüssen und der jüngsten Zunahme von Gewalt(verbrechen) mit extrem rechtem Hintergrund aufgezeigt werden.
Auf diesem Weg soll der performative Akt, der allen Diskriminierungsformen, egal ob Rassismus, Sexismus, Antisemitismus, Speziesismus, usw. zugrunde liegt, ins Zentrum der Untersuchung zur Entstehung von derartigen Diskriminierungen gerückt werden, um im Anschluss möglicherweise neue Aktionsfelder gegen solche Diskriminierungen zu erschließen.
Einzelne Beiträge zu dieser Untersuchung werden in den folgenden Wochen als Artikel erscheinen. Die Untersuchung selbst wird es danach als PDF-Datei zum Download geben.
Fußnoten
1 Norbert Elias, Studien über die Deutschen. Machtkämpfe und Habitusentwicklung im 19. und 20. Jahrhundert. Hrsg. von Michael Schröter, 2. Auflage (1989; Frankfurt am Main: Suhrkamp, 1994) S. 396.
2 Vgl. Dan Diener. „Zivilisationsbruch“. Zivilisationsbruch Auschwitz Hrsg. von Pax Christi. Schriftenreihe Probleme des Friedens. Idstein: meinhardt, 1999. 13-15 S. 13 ff.
3 Giorgio Agamben, Homo sacer. Die Souveränität der Macht und das nackte Leben. Hrsg. von Gary Smith und Rüdiger Zill, übers. von Hubert Thüring, Erbschaft unserer Zeit Bd. 16 (1995; Frankfurt am Main: Suhrkamp, 2002) S. 175.
4 Ruth Klüger, weiter leben. Eine Jugend (1992; München: dtv, 1997) S. 120.
5 Vgl. Die Ordnung. Grundsatzprogramm der CSU vom 05.11.2016 S. 5.
6 Der Begriff »Festung Europa« stammt aus der Zeit des Nationalsozialismus. Besonders gegen Ende des 2. Weltkrieges wurde darunter ein Europa, in dessen Mitte Deutschland als »Ordnungsmacht« liegt, verstanden. »Deutschland, die „Ordnungsmacht“, verteidigt die „Festung Europa“«, fasst Victor Klemperer diese späte Nationalsozialistische Propaganda zusammen (Victor Klemperer. LTI. Notizbuch eines Philologen. Hrsg. von Elke Fröhlich (1957; Stuttgart: Reclam, 2015) S. 186.).
7 Vgl. Theodor W. Adorno, »Ob nach Auschwitz noch sich leben lasse.« Ein philosophisches Lesebuch. Hrsg. von Rolf Tiedemann (Frankfurt am Main: Suhrkamp, 1997) S. 48.
7 Aus dem Selbstverständnis der nonazistischen Partei »Der III. Weg«.