Eine kurze Einleitung in eine Artikelreihe zu den G20-Protesten in Hamburg
Als in Hamburg am Freitag, den 07. Juli die ersten brennenden Straßenbarrikaden im Schanzenviertel errichtet wurden, ahnten vermutlich weder Polizei, noch Autonome, noch die umstehenden Anwohner*innen und Passant*innen, die das Spektakel beobachteten, welcher Entwicklung sie in den kommenden Stunden beiwohnen würden. Im Anschluss an die Ereignisse der Nacht von Freitag auf Samstag würden die Medien diese bedeutungsvolle Entwicklung als einen ungerichteten und unreflektierten Prozess der Zerstörung, als das Werk von „Chaoten“, die nichts weiter wollen, als zu randalieren, verunglimpfen und selbst Angehörige der radikalen Linken würden sich von den Ereignissen weitestgehend distanzieren. Doch bevor wir uns einer Bewertung dieser Ereignisse, wie sie bereits von so vielen Seiten versucht wurde, widmen, wollen wir noch einmal versuchen, die Stimmung, die im Schanzenviertel zwischen der Errichtung der ersten Straßenbarrikaden und der Räumung dieser durch Einsatzkräfte des SEK herrschte, einzufangen.
Eine Personenblockade am Neuen Pferdemarkt wird von der Polizei mit Wasserwerfern, Tränengas und prügelnden Einsatzkräften geräumt. Lange Zeit verteidigen die Demonstrant*innen ihren Standort, setzen sich mit Flaschen und Steinen gegen die Wasserwerfer der Polizei zur Wehr. Trotzdem gelingt es der Polizei schließlich, die Demonstrant*innen bis zum Schulterblatt zurückzudrängen. Hier jedoch ist Schluss für die Polizist*innen: Die Demonstrant*innen errichten eine brennende Straßenbarrikade am Eingang der Straße und setzen sich weiter mit Steinen, Flaschen und Feuerwerkskörpern gegen die Polizei zur Wehr. Die umstehenden Personen sind längst auf Seiten der Demonstrant*innen: Ob durch den Einsatz von Tränengas, prügelnde Polizist*innen oder generell durch die massive Gewalt, mit der die Polizei zuvor die Personenblockade geräumt hatte, gegen die Polizei aufgebracht, oder generell kritisch gegenüber dieser staatlichen Repressionsbehörde, von allen Seiten erschallt „ganz Hamburg hasst die Polizei“ und zum ersten Mal klingt dieser Demoruf nicht wie das Wunschdenken einer handvoll Personen, sondern vielmehr wie eine performative Wahrheit, die bereits vom gesamten Schanzenviertel Besitz ergriffen hat.
Angst haben die Menschen im Schanzenviertel keine. Anwohner*innen und Passant*innen, die am Straßenrand stehen, eine Flasche Bier oder zuweilen auch ein Glas Wein oder Sekt in der Hand halten und das Geschehen beobachten, mischen sich mit den Restaurantbesucher*innen, die von ihren Tischen interessiert und voll Anteilnahme das Geschehen auf den Straßen beobachten. Überall dazwischen: Autonome. Im Schanzenviertel herrscht in den ersten Stunden der Barrikaden Straßenfestatmosphäre und die dauert auch dann noch an, als die Filiale der Hamburger Sparkasse zerstört und der REWE geplündert wird.
Hakim Bey beschreibt Situationen, in denen die herrschende (staatliche) Ordnung in einem gewissen Gebiet temporär außer Kraft gesetzt wird, als „Temporäre Autonome Zonen“. Für rund vier Stunden, nämlich mit der Errichtung der ersten Barrikade bis zur Räumung durch das SEK, war das Hamburger Schanzenviertel am Freitag den 07. Juli eine solche Temporäre Autonome Zone. Nicht nur die Tatsache, dass die Polizei aus diesem Bereich „draußen“ gehalten wurde, ist dafür maßgeblich, sondern auch die Zerstörung diverser Herrschaftssymbole innerhalb der Sternschanze, wie zum Beispiel Straßenschilder, Parkautomaten, aber auch kapitalistische Symbole wie die Filialen der Hamburger Sparkasse, REWE, ein Apple-Vertrieb, aber auch kleinere Läden. Gesetze hatten für die Zeit des Bestehens dieser Temporären Autonomen Zone jedenfalls keine Gültigkeit mehr.
Doch auch wenn eine so große und verhältnismäßig lange bestehende Temporäre Autonome Zone sicherlich ein Grund ist, zu feiern – schließlich hat mensch sich selbst, dem Staat und der Gesellschaft gezeigt, dass die Herrschaft des Staates eben nur dann gilt, wenn die Menschen mitspielen und spätestens dann, wenn sich einige widersetzen, kaum noch aufrechtzuerhalten ist –, müssen wir uns im Nachhinein auch damit auseinandersetzen, was innerhalb dieser Temporären Autonomen Zone schief gelaufen ist. Und bei dieser Auseinandersetzung genügt es nicht, sich von einigen Vorfällen, die mensch nicht für vertretbar hält, zu distanzieren, sondern es kommt darauf an, eine plausible Erklärung dafür vorzulegen, warum diese Situationen entstanden sind, um sich im Anschluss damit auseinanderzusetzen, wie solche Vorfälle in Zukunft vermieden werden können. Differenzierung ist eben gerade innerhalb der radikalen Linken notwendig und bestimmte Vorfälle zu kritisieren muss auch nicht zwingend mit einer Distanzierung von diesen Ereignissen einher gehen; und schon gar nicht mit einer Entsolidarisierung gegenüber den Akteur*innen im nun anstehenden Kampf gegen die Repressionsbehörden!
„müssen wir uns im Nachhinein auch damit auseinandersetzen, was innerhalb dieser Temporären Autonomen Zone schief gelaufen ist. Und bei dieser Auseinandersetzung genügt es nicht, sich von einigen Vorfällen, die mensch nicht für vertretbar hält, zu distanzieren, sondern es kommt darauf an, eine plausible Erklärung dafür vorzulegen, warum diese Situationen entstanden sind“
Zu diesem Anspruch bzw. Vorhaben, aufzuklären, was „schief gelaufen“ ist, fällt mir ein guter Artikel von Dominique Miséin ein, „Im Zentrum des Vulkans“. https://anarchistischebibliothek.org/library/dominique-misein-im-zentrum-des-vulkans
Es trifft als Antwort wohl am Besten ein Zitat von Luis Brunuel (das Dominique auch zitiert, von dort habe ich es): „Die gewaltsame Revolution, die wir seit einigen Jahren heranwachsen spürten, und die ich mir selbst so sehr gewünscht habe, zog unter meinen Fenstern, unter meinen Augen vorbei. Ich war orientierungslos, skeptisch. […] Die ersten drei Monate waren die schlimmsten. Wie viele andere war ich gequält von diesem schrecklichen Verlust an Kontrolle. Ich, der sich mit aller Kraft die Subversion, den Umsturz der bestehenden Ordnung gewünscht hat, gerade ich, jetzt, im Zentrum des Vulkans, hatte Angst… Ich verabscheute die gängigen Hinrichtungen, die Plünderungen, jeden Akt des Banditentums… Ich war wie immer zerrissen zwischen der theoretischen und emotionalen Anziehung zum Chaos und dem grundlegenden Bedürfnis nach Ordnung und Frieden.“
Ich persönlich finde diese ganzen Distanzierungen (am ekelhaftesten wohl diejenige von Campact aber auch mehrer eingefleischter Linker) insofern bezeichnend, dass mensch zwar auf der einen Seite „What Solution? Revolution!“ skandiert, aber am liebsten eine bürgerliche, „ordentliche“, aufgeräumte, gewaltlose, Revolution möchte, eine die nicht weh tut, eine, die von der bürgerlichen Mitte akzeptiert wird, eine intellektuelle, eine Kuschelrevolution. Bezeichnend finde ich es deswegen, wie „verbürgerlicht“ ein großer Teil auch der radikalen Linken ist (damit nehme ich mich selbst nicht aus). „Revolution“ ist hierzulande (zu dieser Zeit) vielleicht eine Idee oder Sehnen aber keine reale Erfahrung. Daher denke ich kommt auch die Tendenz, sich mit dem, was geschehen ist, kritisch auseinandersetzen zu wollen. Es ist der eingeimpfte bürgerlich-aufgeklärte Automatismus, es ist ein Terrain, auf dem (sich auch der linke) mensch sicher fühlt.
Ich glaube auch, dass genau deswegen der mediale Aufschrei so groß war. Denn keine*r – auch einige von den Protestierenden Personen selbst nicht – haben mit dem Gefühl der Schlacht gerechnet. Da geht es plötzlich nicht mehr logisch und vorsehbar zu sondern chaotisch, im Inneren und im Äußeren. Das riecht, das rinnt durch die Adern, da wird einer*m heiß. Unkontrollierbarkeit für die Ordnungsbehörden bedeutet auch ein Stück weit Kontrollverlust im Inneren.
Einer Person vorzuwerfen, sie/er habe bei einer Revolte die Kontrolle verloren ist eine Tautologie, denn genau das ist doch das Ziel. Dass dabei auch Kleinwagen oder andere „unnötige“ Objekte dran glauben mussten, ist das nicht einfach Teil einer Situation, in der Kontrollverlust die Normalität repräsentiert?
Damit möchte ich keinesfalls behaupten, dass mensch alles „darf“. Sicher kann mensch sich kritisch damit auseinandersetzen, was in der Schanze passierte. Aber sollte davor nicht die (wie ihr ja richtig schreibt) die uneingechränkte Solidarität mit den Gefangenen stehen oder die Analyse der Reproduzierbarkeit? Oder die Auseinandersetzung mit eben diesem anomischen Zustand, mit der Schlacht, mit der gebrüllten und geworfenen Faust? Und ist nicht der Rückzug auf Erklärbares ein Rückzug in die heimelige Welt, zurück aus dem Chaos, hinein in die universitäre (und damit auch elitäre) Erklärbarkeit der Welt?
Frei nach Blickwinkel (angelehnt an Rosa Luxemburg): Die Logik ist die Logik der Herrschenden Ordnung, das Chaos ist die Liebe der Andersdenkenden.